Sonntag nach dem Alptraum, dem Amoklauf. Und auf allen Kanälen laufen die Schuldzuweisungen und die Motivsuche... Letzter emotionaler Kommentar einer Frau (ich hab später reingeschaltet und weis nicht wer das war) bei Anne Wills Talkshow: „Wäre er nicht an die Waffe gekommen, hätte der Amoklauf nicht passieren können.“ Applaus, Abspann. Und die Frage in meinem schwachen Hirn: Wirklich? Nach allem was ich gehört habe, planen Amokläufer, und zwar minutiös. Also, hätte das Ding wirklich nicht steigen können, oder hätte es nur länger gedauert, hätte es vielleicht nur die Chance gegeben, den Täter beim Versuch zu stellen, illegal eine Waffe zu beschaffen?
Ich habe ja auch rumgewettert. Was haben Minderjährige an Feuerwaffen verloren, warum dürfen die rumballern, und ich, als nicht vorbestrafter Erwachsener, darf mein Taschenmesser nicht mehr mit mir herum tragen, weil es ein Einhandmesser ist? Warum besteht die Reaktion unserer Regierung auf Amokläufe mit Feuerwaffen darin, diverse Messermodelle zu verbieten? Wird demnächst das Radfahren verboten, um der Raserei auf den Autobahnen Einhalt zu gebieten? Aber, und mir ist es echt peinlich ein Argument der amerikanischen Waffenlobby zu benutzen, Waffen töten nicht. Sondern die Menschen, die sie bedienen. Hätte der Amokläufer ohne diese Pistole wirklich auf seine Tat verzichtet? Oder hätte er ein Messer benutzt oder Bomben gebastelt?
Und was ist mit Sündenbock Nummer 1, die bösen, bösen Killerspiele? Die Dinger sind in Deutschland millionenfach verkauft worden, da bleibt nur zu hoffen, das sie nicht dazu führen das Menschen zu Amokläufern werden, sonst haben wir bald viel Platz. Eins ist sicher, schießen lernen kann man damit nicht, denn das hantieren mit Maus und Tastatur hat nichts mit dem Handling einer Feuerwaffe zu tun, aber auch gar nichts.
Und ist das Umpusten von Computeranimationen wirklich eine mentale Vorbereitung darauf, echte Menschen zu töten? Sogar Menschen, die man persönlich kennt, aus einer Distanz in der man ihnen in die Augen sehen, beim sterben zusehen muss?
Und was ist, wenn diese Spiele wirklich verboten werden? Wir kriegen ja nicht einmal die Kinderpornographie im Netz in den Griff, wie soll da der Handel mit Spielen kontrolliert werden?
Und hat er es angekündigt? Und selbst wenn ja, wem soll man einen Vorwurf dafür machen, das es keine Warnung gab? Es gibt Tausende von Leuten, gerade in der Spielerszene, die sich Hitman, Killer, Bomber oder Scharfschütze nennen, Tausende von Einträgen in der Art „Ich könnt ihn erwürgen, ich könnte ausrasten, ich könnte dies oder das (die Schule!) in die Luft jagen....“ Wer soll all diesem Dummgeschwätz Beachtung schenken und herausfinden, wer genau nun „Massenmörder 241“ ist, und ob er wirklich jemanden töten will oder ob er nur mal mit markigen Sprüchen seinem Frust Luft machen wollte?
Fragen über Fragen.
Ich sehe und Höre, was hier in den Medien über den Jungen gesagt wird. Und ich bekomme langsam ein Bild. Ein ruhiger Mensch, nicht unsympathisch, der sich aber nirgendwo wirklich wohl gefühlt hat. Der sich mit Schießen und Armdrücken beschäftigt hat, um (ich spekuliere mal) seinem Vater einen Gefallen zu tun und ein „echter Mann“ zu sein. Der alleine war, weil er es nicht geschafft hat, mit anderen in Verbindung zu kommen. Ein Bursche, der wie seine Vorgänger in Deutschland, vor allem dadurch auffällig war, das er völlig unauffällig war.
Und da fängt doch diese ganze Hexenjagd auf Spiele und Waffen plötzlich an Sinn zu machen. Denn wenn es keine äußerlichen Umstände gibt, die ihn auffällig machen, keine erkennbare Geisteskrankheit, keine fremden Rassenmerkmale und keine fanatischen religiösen oder politischen Hintergründe, dann brauchen wir wenigstens etwas, dem wir die Schuld zuschieben können.
Sonst müssten wir uns ja am Ende damit abfinden, das es Dinge gibt, die wir einfach nur erdulden können. Das ein Mensch austicken und unfassbares tun kann, ohne das es etwas oder jemanden gibt, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Kein verwahrlostes Elternhaus, keine schlechten Lehrer, keine mobbenden Mitschüler. Keine Killer erzeugenden Spiele, Musik oder Filme.
Einfach einer unter etlichen Millionen Menschen, der durchdreht und mordet, ohne das es jemals einer von uns verstehen werden wird. Und ohne das wir auch nur die geringste Chance haben, den Nächsten zu erwischen, bevor er ein Dutzend Menschen mit sich in den Tod reißt, egal wie viele Kameras wir installieren, wie viele Waffen wir verbieten und welche Medien wir ächten.
Weil wir sonst akzeptieren müssten, das wir manchmal einfach hilflos sind.
Heute mal nachdenklich...
Der Hofnarr
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